Geschichtsbelletristik

Sommerzeit, Lesezeit. Das dachte ich als ich vor kurzem in einer Buchhandlung nach einem Roman suchte. Vorbelastet durch mein Studium, schaute ich mir die Krimireihen auf der Suche nach einem Geschichtskrimi an. Volker Kutschers Gereon Rath-Reihe begeistert mich nämlich sehr, weil es ihm gelingt, die Weimarer Republik im Krimi zu beleuchten. Nachdem ich im letzten Jahr das Buch „Rassenwahn“ von Jörg Gustmann gelesen hatte, wusste ich, dass es auch anders geht und das ist mir bei meiner letzten Lektüre auch wieder bewusst geworden.

Ich hätte es eigentlich wissen müssen, denn der Klapptext von Harald Gilbers1 „Germania“ liest sich schon haarsträubend:

Berlin 1944: In der zerbombten Reichshauptstadt macht ein Serienmörder Jagd auf Frauen und legt die verstümmelten Leichen vor Kriegerdenkmälern ab. Alle Opfer hatten eine Verbindung zur NSDAP. Doch laut einem Bekennerschreiben ist der Täter kein Regimegegner, sondern ein linientreuer Nazi. Der jüdische Kommissar Richard Oppenheimer, einst erfolgreichster Ermittler der Kripo Berlin, wird von der SS reaktiviert. Oppenheimer weiß, dass sein Leben am seidenen Faden hängt. Erst recht dann, wenn er den Fall lösen sollte. Fieberhaft sucht er nach einem Ausweg.

Eröffnet wird der Roman mit einer Unterhaltung zwischen Hitler und Speer über „Germania“, Hitlers wahnwitzigem Traum. Besonders wichtig für den Fortgang des Romans ist der Prolog nicht, da nie wieder darauf eingegangen wird. Vermutlich musste er mit hinein, weil der Titel des Buches sonst komplett irreführend gewesen wäre.

Gilbers löst den Umstand, dass sein Romanheld Richard Oppenheimer als Jude 1944 offen in Berlin leben kann mit dem Umstand, dass er mit einer „Arierin“ verheiratet ist und in einem „Judenhaus“ lebt. Weil die SS im Frühsommer 1944 anscheinend keinen einzigen fähigen Kommissar in der Reichshauptstadt findet, kommt SS-Mann Vogler auf die Idee, Oppenheimer zu „reaktivieren“. Bis Seite 248 habe ich das Buch aufmerksam gelesen, danach nur noch im Schnelldurchgang, weil es mir unerträglich wurde. Es beginnt schon damit, dass Oppenheimer der Prototyp des „guten Deutschen“ an die Seite gestellt wird: eine 50-jährige Ärztin namens Hilde, die mal mit einem SS-Mann verheiratet war, relativ reich ist und gute Kontakte zum Widerstand hat. Sie ist die Verkörperung des inneren Exils im Buch und hilft Frauen bei Abtreibungen. Der Nationalsozialismus hat sie niemals überzeugt. Während der Reichspogromnacht fasste sie den Plan den nächstbesten Juden zu retten, was zufälliger Weise Oppenheimer war. Gilbers lässt Hilde die Reichspogromnacht so wiedergeben:

An diesem Tag spürten die Menschen zum ersten Mal, wie es war, Gefangene des eigenen Staates zu sein. Auch Hilde war mit der Trambahn an den verkohlten Überresten der Synagogen vorbeigefahren. Die Leute im Abteil triumphierten nicht. „Antisemitismus – gut und schön, aber man kann’s auch übertreiben“, so oder ähnlich lautete der gemurmelte Kommentar der Passagiere.2

Gilbers stellt die Nationalsozialisten also als eine böse Macht dar, die Deutschland besetzt hat und gegen die man sich nicht wehren konnte. Aber es gibt ja Hilde und all die anderen Deutschen, die eigentlich gar nicht so schlimm sind.

Wie SS-Mann Vogler mit dem Oppenheimer ermittelt. Vogler hatte eine schlimme Kindheit mit einem bösen Lateinlehrervater und wollte einfach mal rebellieren. Deswegen ist er bei der SS, Vorurteile gegenüber Oppenheimer hat er nämlich nicht, sondern benutzt ihn als Werkzeug, um die Mordserie aufzuklären. Besonders bizarr ist eine Szene, in der Oppenheimer mit Vogler zusammen verschüttet in einer arisierten Nazi-Bonzen-Villa sitzt. Der aktuelle Eigentümer hatte nach der Arisierung der jüdischen Villa nicht richtig aufgeräumt, weswegen Oppenheimer eine Menora findet, daneben aber auch einen riesigen Vorrat an nicht-koscheren Konservendosen. Oppenheimer findet außerdem einen Schallplattenspieler und eine Platte mit einer Vertonung der Dreigroschenoper, die er sogleich auflegt, um die Umgebung auf die beiden Verschütteten aufmerksam zu machen und so kommt es, dass SS-Mann Vogler in vollkommener Unkenntnis den Kanonensong von Bertolt Brecht singt. Wie der in den Haushalt eines hochrangigen Nazis kommt, verschweigt Gilbers.

Der Mordfall entwickelt sich so brenzlig, dass Oppenheimer und Vogler irgendwann Goebbels persönlich treffen, was der Punkt war an dem ich alle folgenden Seiten übersprang und nur noch das Ende las, aber dazu später. Weil die Öffentlichkeit nichts von der Mordserie mitbekommen soll, werden Oppenheimer und Vogler ins Propagandaministerium zitiert, wo direkt Joseph Goebbels Zeit für sie hat. Zwischen Oppenheimer und Goebbels entspinnt sich der Dialog:

Doch Goebbels war immer noch nicht zum Ende gelangt. Er setzte sich und richtete seinen Blick auf Oppenheimer, musterte ihn eingehend vom Scheitel bis zur Sohle. „Sie sind also Jude, Oppenheimer?“ „Ja.“ „Nun gut, das kann vorkommen. Zumindest scheint Hauptsturmführer Vogler großes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten zu haben. Trotzdem sollte niemand erfahren, dass Sie nichtarischer Herkunft sind. Wenn Ihr Name nicht wäre, könnte man sich durchaus täuschen lassen. Ich nehme an, Sie haben für die Zeit der Untersuchung ein anderes Quartier bekommen?“3

Abgesehen von der Tatsache, dass ein derartiges Aufeinandertreffen äußerst unwahrscheinlich ist, lässt Gilbers es sich nicht nehmen, Goebbels noch folgende Worte in den Mund zu legen:

Er wandte sich dann direkt an Oppenheimer und befahl: „Was mich angeht, sind Sie bis zur Beendigung der Untersuchung von der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk suspendiert. Bis dahin sind Sie als Arier zu behandeln. Punktum. Vogler wird sich um alles Nötige kümmern. Das war’s, meine Herren.“4

Den Rest des Buches kann ich nur noch fragmentarisch wiedergeben. Der Mordfall wird gelöst und man möchte sich Oppenheimer nun entledigen. Weil SS-Mann Vogler im Grunde seines Herzens wohl gar nicht so böse ist, schenkt er Oppenheimer zum Schluss seine Zyankalikapsel, weil Oppenheimer die vermutlich dringender benötigt als Vogler.

Das Buch hat bei amazon eine Durchschnittsbewertung von 4,4 Sternen. 25 Mal wurden fünf Sterne vergeben. Reinhard Jahn besprach das Buch am 21.12.2013 für „Die telefonische Mord(s)beratung“ von WDR5:

Ein ungewöhnlicher Schauplatz, eine gewagte Konstruktion, ein anspruchsvolles
Anliegen. Harald Gilbers macht es sich bei seinem Krimi-Debut nicht leicht – doch es
gelingt ihm auch viel. Eine spannende Geschichte, ein bedrückend genau
geschildertes Lokal- und Zeitkolorit.5

Am schönsten ist jedoch die Rezension auf krimi-couch.de vom 1.12.2013:

Handlung, Hintergrund und Historie gehen eine selten so gelungene harmonische Verbindung ein, ohne dass die Spannung darunter leidet. Um einschlägige Klischees weiß Gilbers Bogen zu schlagen. Germania wird zum doppelten Horrortrip. Die fieberhafte Jagd auf einen Killer führt durch die irrwitzige Realität von Hitlers Albtraumreich.


  1. studierte in Augsburg und München Geschichte und Anglistik 

  2. Gilbers, Harald: Germania, München 2013, S. 188 

  3. Gilbers, Harald: Germania, München 2013, S. 403 

  4. Gilbers, Harald: Germania, München 2013, S. 404 

  5. https://www.wdr5.de/sendungen/tagesgespraech/literaturliste100.pdf 

3 comments

  1. Tja. Lässt sich der Nationalsozialismus überhaupt belletristisch behandeln? Das ist ja eine wichtige Frage, weil die große Mehrheit der Bevölkerung keine Sachbücher liest. Was dir unerträglich ist, dürfte für viel mehr Menschen gelungene Unterhaltung sein. Dann ist die Frage, ob die Unerträglichkeit an der Verzeichnung des NS liegt, oder am Kulturindustrie-Kitsch, oder daran, dass du den NS als Gegenstand empfindest, der nicht kulturindustriell verkitscht werden dürfe. Ich habe den Eindruck, dass es letzteres ist, frage mich aber, warum man denn jedes andere Setting verkitschen darf, aber nicht den NS?

    Die Sachdarstellung würde ich nach deiner Schilderung nämlich nur insoweit als falsch ansehen, wie eben der Kitsch immer falsch ist: Das Körnchen Wahrheit ist vorhanden, es wird eben nur von so viel Klischee zugekleistert, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist. SS-Mann Vogler zum Beispiel scheint einige realistische Attribute des typischen Nazi-Funktionärs zu haben. Und dass Goebbels sagt: „Bis dahin sind Sie als Arier zu behandeln“, spielt auf zahlreiche tatsächliche Begebenheiten an (und misshandelt sie, so dass sie ins Buch passen). Görings Ausspruch „Wer Jude ist, bestimme ich“ und die Ernennungen zu „Ehrenariern“ sind nicht nicht bloß Legenden. Sie zeugen vom Pragmatismus der Nazis, ihrer Effizienz- und Erfolgsorientierung, die gar nicht so recht zu den ideologisiert-dämlichen Monstern passen will, die wir gern in ihnen sehen. Denn „unideologisch“ effizienz- und erfolgsorientiert sind wir selbst gern, und den Nazi in uns mögen wir nicht.

    1. Die Frage ist halt, was für ein Geschichtsbild man so transportiert. Die Reichspogromnachtszene mag ja irgendwo so stattgefunden haben, das Ganze dann aber so zu charakterisieren, dass die Menschen im Deutschen Reich von ein paar Außerirdischen beherrscht wurden, die 1933 landeten und dann Deutschland gefangen genommen haben, den Satz „An diesem Tag spürten die Menschen zum ersten Mal, wie es war, Gefangene des eigenen Staates zu sein.“ kollektiv auf das gesamte DR anzuwenden, finde ich dann doch zu verharmlosend. Und: es gibt besseren, Edit: schlechten und üblen Kitsch. Dieses Exemplar hier würde ich unter „üblen“ Kitsch ins Regal stellen.

      Und noch ein Edit: wenn dann am Ende Rezensionen wie diese hier dabei herumkommen und davon ausgegangen wird, man könne sich mit einem netten Roman umfassend fortbilden (Bildungsroman, juhu), dann kriege ich Bauchschmerzen.

  2. Die Frage ist ja, warum du dir diese ganz grausigen Rezeptionsauswüchse immer wieder freiwillig antust. Ich halte das ja inzwischen für eine Art Märtyrertum. ;) Aber danke, dass du dich in den Kaninchenbau wagst, damit uns sowas erspart bleibt.

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