Was wäre wenn…?

Im ersten Semester kaufte ich mir ein Buch, das angab Alternativgeschichte zu schreiben. Ich hatte mir erhofft, einen anderen Blick auf bestimmte Ereignisse der Weltgeschichte erhaschen zu können. Nach der Lektüre war ich so klug wie zuvor und hakte die kontrafaktische Geschichte erstmal ab.

Während meines Studiums begegnete sie mir noch das ein oder andere Mal, aber für Luftschlösser konnte ich mich nicht mehr begeistern. Es mag erst einmal interessant anmuten, sich Gedanken über ein „Was wäre wenn?“ zu machen und möglichst krude Verschwörungstheorien zu durchdenken, aber, was bringt es?

Denn: alle Momente der Geschichte zu erfassen ist praktisch unmöglich. Es sei denn, man geht weiterhin von der Annahme aus, dass Geschichte von „großen Männern“ gemacht wird oder von einzelnen, absolutistischen Entscheidungen, die allein die Weltgeschichte formten. Diese Herangehensweise ist ziemlich einfach. Und so wundert es auch nicht, dass heute wieder ein ähnlicher Beitrag bei EinesTages, der Geschichtsseite von SpOn, erschienen ist. Es verkauft sich halt.

Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Was wäre, wenn sich die USA nicht in den Ersten Weltkrieg eingemischt hätten? Was wäre, wenn Hitler 1938 gestorben wäre? Was wäre, wenn Kennedy Dallas überlebt hätte?

Alles Fragen, die SpOn zu beantworten versucht und sich dabei einiger Historiker bedient (Sebastian Haffner ist laut SpOn auch ein Historiker). Wie sähe es also aus? Zum Thema Erster Weltkrieg wird berichtet, England wäre 1916 ziemlich wahrscheinlich nicht mehr in der Lage gewesen weiter Krieg zu führen und hätte sich deswegen auf einen Frieden mit Deutschland eingelassen. Daraus wird dann geschlussfolgert, dass die Grenzen in Europa die von 1914 geblieben wären und es weniger Tote gegeben hätte. Österreich-Ungarn sei zu einem Vielvölkerstaat nach dem Vorbild des britischen Commonwealth mutiert:

„Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, der von Südtirol bis Lemberg und von Prag bis Sarajewo reichte, hätte sich langsam zu einem Commonwealth nach britischem Vorbild entwickelt.“

Wenn man bedenkt, welches Ereignis den Ersten Weltkrieg quasi „auslöste“ scheint es schwierig sich ein Weiter-Existieren des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn vorzustellen. Abgesehen davon macht der Artikel eine nette, kleine Auslassung und geht nicht darauf ein, wie man sich Russland 1917 dann vorzustellen hätte. Angenommen, es wäre 1916 zu einem Frieden gekommen und das Deutsche Reich hätte Lenin nicht durch die Gegend karren müssen, bleibt immer noch die Frage, ob es nicht zumindest auch die Februarrevolution gegeben hätte.

„Die direkten Folgen: kaum Grenzverschiebungen, Millionen Kriegsopfer weniger, keine blutigen Revolutionen.“

Abgesehen von Millionen Kriegsopfern, die es natürlich nicht geben kann, wenn ein Waffenstillstand herrscht, sind die anderen beiden „direkten Folgen“ nicht besonders stichhaltig, wenn man sich die Kriegsziele des Deutschen Reiches 1914 ansieht oder den Friedensvertrag von Brest-Litowsk.1 Und auch was die Abwesenheit blutiger Revolutionen anbelangt, die bereits erwähnte Februarrevolution wäre ein Gegenargument, ein anderes wäre die russische Revolution von 1905.

So bleibe ich bei meiner Meinung: kontrafaktische Geschichte ist ein nettes Gedankenspiel und kann durchaus einen anderen Blick auf die Geschichte ermöglichen, allerdings nicht, wenn sie dazu verwendet wird der allgemeinen Erheiterung zu dienen.

Es ist möglich, dass einige der gesetzten Links nicht funktionieren, weil LeMo gerade wieder Schluckauf hat.

 


  1. der zwar in großen Teilen darauf beruht, dass Lenin unter allen Umständen den Krieg beenden wollte, was aber im Umkehrschluss nicht bedeuten muss, dass das Deutsche Reich im Falle eines Sieges auf Annexionen oder Reparationen verzichtet hätte. Aber wie SpOn das Wort „kaum“ definiert, weiß ich natürlich nicht. 

1 comment

  1. Ein sehr treffender Beitrag von Dir wie ich finde. Kontrafaktische, alternative oder parrallele Geschichte zu zeichnen, ist meiner Meinung nach auf die Weise wie bei SpOn tatsächlich nicht sinnvoll. Es wäre wichtig, nicht angebliche eindeutige Kausalketten ab einem bestimmten veränderten Ereignis zu spinnen, sondern aufzuzeigen, wie viele Optionen in jedem einzelnen Moment schlummern.

    Diese mehrperspektivische, offene Art und Weise, kann aber nur ein Medium einem Nutzer vermitteln. Das sind meiner Ansicht nach die Videospiele. Nur dort ergibt die Spielerei mit kontrafaktischen Elementen, Alternativgeschichte oder Paralleluniversen einen Sinn. Dem interaktiven, partizipativen Nutzer ist sehr bewusst, wie jeder Moment eigene Entscheidungen bringt, die dann den Ausgang z.B. des Ersten Weltkriegs im Strategiespiel beeinflussen.

    So wie SpOn das gemacht hat, ist es literarisch wertvoll, historisch-methodisch jedoch Mumpitz.

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