There’s an east wind coming – Sherlock Holmes und der Erste Weltkrieg

Es war abends, um neun Uhr, am zweiten August – jenem schrecklichsten August der Weltgeschichte. Man hätte sich da schon denken können, daß Gottes Fluch schwer dräuend über einer degenerierten Welt hing, denn eine furchterregende Stille und eine ungewisse Ahnung erfüllten die schwüle, von keinem Windhauch bewegte Luft.1

Sherlock Holmes, Kohlezeichnung von Sidney Paget (1904), Bild: gemeinfrei

So beginnt die letzte Sherlock Holmes Geschichte, die Arthur Conan Doyle verfasst hat. Sie wurde im September 1917 im ‘The Strand Magazine’ veröffentlicht, wo auch schon andere Sherlock Holmes-Geschichten von Doyle erschienen waren. Doyles ältester Sohn Arthur Alleyne Kingsley starb 1918 kurz vor Kriegsende an der Spanischen Grippe und war bereits am ersten Tag der Schlacht an der Somme schwer verwundet worden.2 Die Geschichte jedoch spielt im August 1914 unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Holmes leistet hier seinen Beitrag gegen den deutschen Feind, der in dieser Geschichte in der Gestalt des “treu ergebenen Agenten des Kaisers”3 auftritt. Anders als in den anderen Sherlock Holmes-Geschichten betätigt sich hier nicht Watson als Chronist, sondern ein unbekannter Erzähler.

Besonders gut stellen sich die deutschen Agenten allerdings nicht an, mit Ausnahme des Spions Von Bork, der sich so in die britische Gesellschaft assimiliert hat, dass niemand darauf käme, dass “der sportliche Gutsherr der gerissenste Geheimagent ganz Europas”4 ist. Nur Von Bork scheint durch seinen vierjährigen Aufenthalt in Großbritannien eine korrekte Einschätzung der britischen Mentalität abgeben zu können. Während der Oberste Rat der deutschen Botschaft, Baron von Herling, davon ausgeht, die Briten würden sich aus dem heraufziehenden Krieg heraushalten, man habe ihnen mit dem Irischen Bürgerkrieg ja ein “teuflisches Süppchen” eingebrockt und darüber hinaus seien sie mit “Fenster zertrümmernden Furien und weiß Gott was sonst noch Ingredenzien”5 schon genug beschäftigt, sieht Von Bork es als Pflichterfüllung der Briten an, die schon aus Gründen der Ehre an der Seite von Frankreich und Belgien in den Krieg einziehen müssten, auch wenn zwischen den Staaten kein verbindliches Abkommen bestünde6.

Sherlock Holmes befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Ruhestand und wird ein letztes Mal tätig. Von Bork, der geheime Codes des britischen Militärs an die Deutschen weitergeben will, von Holmes aber daran gehindert werden kann. Hier kommt es auch zum “berühmten” Dialog mit Watson:

“Es ist ein Wind von Osten her im Anzug, Watson.” – “Das glaube ich nicht, Holmes. Es ist sehr warm.” “Gute, alter Watson! Sie sind der einzige Fixpunkt in einer sich wandelnden Zeit. Und dennoch, es ist ein Ostwind im Anzug, ein Wind, wie noch nie einer über England hinweggefegt ist. Es wird ein bitterkalter Wind sein, Watson, und manch einer von uns wird unter seinem Ansturm welken. Aber dennoch ist es Gottes eigener Wind, und ein reineres, besseres, stärkeres Land wird im Licht der Sonne erstrahlen, wenn sich der Sturm gelegt hat.”7

Verwendung fand dieser Epilog auch in einem späteren Film mit Basil Rathbone, in dem die Figur Sherlock Holmes gegen die Nazis kämpft: Die Stimme des Terrors. Die Filme der 1940er Jahre haben mit Beginn des Krieges keinen Bezug mehr zu den ursprünglichen Geschichten Doyles, sondern beschäftigten sich mit Holmes Aktivitäten gegen die Nazis: einmal ist im Kriegsrat ein deutscher Spion, in einem anderen Film sorgt Holmes dafür, dass eine wichtige Kriegswaffe nicht in die Hände der Nazis gerät. Holmes wurde dort zum patriotischen Helden stilisiert. Das Zitat tauchte auch in der dritten Episode der dritten Staffel, der aktuell sehr beliebten BBC-Serie “Sherlock” auf.


  1. Arthur Conan Doyle (Leslie Giger, Übersetz.): Seine Abschiedsvorstellung,  Berlin 2012, S.280. 

  2. Vgl. http://www.conandoylecollection.co.uk/about-doyle-family.html 

  3. Arthur Conan Doyle (Leslie Giger, Übersetz.): Seine Abschiedsvorstellung,  Berlin 2012, S. 280 

  4. Ebd., S. 283. 

  5. Ebd., S. 285. 

  6. Vgl. Ebd., S. 284. 

  7. Ebd., S. 306 

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