“eine deftige Portion Geschichte näherbringen” – Interview zu @1914Tweets

Das “Gedenkjahr” 2014 hat gerade begonnen, aber dass es ein geschichtsträchtiges Jahr wird, war spätestens mit der Veröffentlichung der “Sleepwalkers” von Christopher Clark im Herbst 2012 klar. Der Spiegel nannte 2014 schlicht Super-Gedenkjahr und widmete seine erste Ausgabe im Jahr 2014 dem Ersten Weltkrieg1. Unterschiedliche Formen der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg gibt es auch im Netz. Auf facebook durchlebte der fiktive Léon Vivien 2013 gemeinsam mit seiner Frau den Ersten Weltkrieg und sehr, sehr viele Twitteraccounts haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Ersten Weltkriegs einem breiten Publikum in 140 Zeichen näher zu bringen. Seit gestern mischt auch der Account @1914Tweets von Christian Soeder und Dirk Baranek mit. Als Mitglied des @9nov38-Teams war ich natürlich besonders interessiert daran, was Christian Soeder und Dirk Baranek in den nächsten zwölf Monaten planen. Freundlicher Weise hat mir Dirk Baranek ein Mail-Interview gegeben.

Wie entstand die Idee das Jahr 1914 zu “vertwittern” und welche Absicht steckt hinter dem Account?

Es gab keinen Plan, keine langfristig ausgeheckte Großstrategie, sondern im Grunde handelt es sich um ein spontane Idee. Wir machen es, weil wir Lust darauf haben und weil wir es können. Ähnliche Projekte auf Twitter, eures ja auch, zeigen allerdings, dass es 1. geht, dass es machbar ist, und 2., dass das Interesse des Publikums vorhanden ist. Das zeigen ja schon die ersten Stunden unseres Kanals mit aus dem Stand 1.000 FollowerInnen.

Die Absicht ist sicher eine pädagogische: Dem bunten, manchmal etwas hermetisch informierten Twittervölkchen eine deftige Portion Geschichte nahe zu bringen und zwar so, dass es für sie konsumierbar bleibt. Letzteres ergibt sich nahezu zwangsläufig aus dem Format bzw. werden wir darauf achten, nicht all zu sehr zu verwissenschaftlichen. Zum anderen, und da muss ich mal deutlich werden, nervt mich bei den endemisch auftretenden Diskussionen in diesem und anderen Sozialen Netzwerken zuweilen die absurde Geschichtslosigkeit des Weltverständnisses so mancher Teilnehmenden. Zu wissen, wie alles so geworden ist, wie es ist, trägt meines Erachtens entscheidend dazu bei, gewisse Phänomene besser zu verstehen und zu erkennen, dass sie ihre Berechtigung haben. Ein Beispiel: wir hier sind Hardcore-Europäer, weil wir wissen, warum das so ist und woher das alles kommt.

 

Wie läuft die Vorbereitung, woher beziehen Sie Ihre Informationen, welche Literatur, Quellen etc. verwenden Sie (evtl. mit Titelangaben)?

Es gibt zwei neue Bücher, die sozusagen die Leitilinie bilden, das Grundgerüst: Janz, 1914, und, klar, Christopher Clark, Norbert Juraschitz – Die Schlafwandler. Ansonsten greifen wir auf alle Quellen zurück, die das Internet bietet. Und da gibt es ja, ich konnte mir das in dem Umfang gar nicht so vorstellen, wirklich massenhaft Sachen. Ich nennen mal diese zwei Seiten zum Einstieg http://www.1914-1918-online.net (ebenfalls von Janz) oder auch www.europeana1914-1918.eu. Unverzichtbar ist die Wikipedia in allen großen Sprachen oder auch die sagenhaft guten Flickr-Commons. Filme findet man bei http://www.europeanfilmgateway.e, bei YouTube usw. usf.

 

Woher beziehen Sie Ihre Bildmaterialien, befürchten Sie evtl. rechtliche Probleme?

Wie erwähnt sind die Flickr Commons eine sagenhaft gute Fundgrube. Ich habe mich grade mal durch die vielen tausend Fotos der Library of Congress durchgewühlt und bin sehr fündig geworden. Andere Nationalbibliotheken haben auch viel dort reingestellt. Die deutschen Institutionen, z.B. Bundesarchiv, sind da leider nicht vertreten, aber die haben wenigstens ihren Katalog online. Ich habe mir jetzt einen Account geholt, mal schauen, was daraus wird. Bei den Commons sind die Rechte kein Problem. Aber ich habe auch schon Sachen gefunden, bei denen Verwertungsrechte dranhängen, weil die Leute alte Darstellungen, Plakate, Fotos abfotografiert haben. Da haben die nun Rechte dran. Ich bin mir noch unsicher, ob wir das ignorieren werden, zumindest aber verlinken, Kontakt aufnehmen usw. Müssen wir schauen.

 

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus der großen Masse an Ereignissen des Jahres die für Sie relevanten Ereignisse für die Tweets aus?

Gute Frage. Aktuell ist der Plan, jeden Tag 10 Tweets zu veröffentlichen. Das wird in der 2. Jahreshälfte sicher mehr werden. Bei der Auswahl sehe ich im Moment 2 Kriterien: Den FollowerInnen ein gewisses Kaleidoskop der erzählten Zeit zu bieten, damit 1914 verstanden werden kann, ökonomisch, kulturell, soziologisch, politisch. Zum anderen geht es um die Hauptlinien der Politik. Ein Beispiel ist Serbien. Da werden wir ein genaueres Auge drauf werfen müssen. Immerhin haben die Spannungen auf dem Balkan wesentlich diesen Krieg heraufbeschworen. Aber es werden eben auch Tweets über den Bürgerkrieg in Mexiko zu finden sein, der auf den ersten Blick nichts mit dem Geschehen in Europa zu tun hat, der aber in der Weltöffentlichkeit und vor allem in den USA präsent war.

 

Ist abseits des Twitteraccounts noch etwas geplant?

Aktuell nicht. Dachte schon mal über einen Tumblr nach, aber so richtig ist mir nicht klar, was genau dort anders sein sollte, als auf Twitter. Andererseits kann es den Wunsch geben, Fragen zu stellen, Kritik anzumerken zu einzelnen Tweets. Da werden wir schauen, wie wir das lösen, denn @replies werden wir mit dem Account nicht machen. Es soll eine reiner Zeitstrahl bleiben. Vielleicht setzen wir dafür doch noch ein Blog auf, mal schauen. Oder einen Frage- und Diskussionsaccount so wie das @RealTimeWWII macht.

 

Das Jahr 1914 wird aus heutiger Perspektive stark mit dem Ersten Weltkrieg verknüpft, was Zeitgenossen in der ersten Jahreshälfte nicht wissen konnten, wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Das Beispiel Mexiko oben zeigt es: da gehen wir naiv mit um. Wir tun so, als seien wir ein Nachrichtenkanal aus dieser Zeit. Das ist unsere Rolle. Sicher, da wird es Konflikte geben, das wird sich nicht vollständig durchhalten lassen. Brüche sind unvermeidlich. Aber wir sind lernfähig, denke ich. Wir haben ja auch Zeit zur Entwicklung, was bei dem Projekt mit der Reichsprogromnacht sicherlich nicht der Fall war. Das hat auf jeden Fall eine sehr präzise Vorbereitung erfordert. Bei uns sehe ich es eigentlich mehr organisch: wir werden reinwachsen.

 

Die Kriegsschuldfrage wird wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder aufgegriffen werden. Behandeln Sie sie in Ihren Tweets zum Jahr 1914?

Ganz klar nein. Das ist eine wissenschaftliche Diskussion, die seit Jahrzehnten geführt wird. An der werden wir uns nicht beteiligen. Die Antwort es auch derart komplex, da passt das Format einfach nicht. Das Ergebnis dieser Diskussion allerdings wird in dem Sinne von uns schon in Betracht gezogen: den großen, alleinigen Schurken der Weltgeschichte wird es bei uns nicht geben. Allerdings werden wir uns auch nicht zum nachträglichen Propagandisten der Obersten Heeresleitung machen. Das wird zuweilen schwierig werden, weil derartiges Material offensichtlich stark präsent ist in den Archiven. Das ist eben die Kriegsproblematik, bis in unsere Tage: die Wahrheit stirbt als erstes.

 

Aktuell werden häufig Parallelen zwischen der Welt von 1914 und der von 2014 gezogen, sehen Sie bei Bearbeitung Ihrer Tweets auch Parallelen zu 2014?

Klare Antwort: Nein. Ich halte derartige Parallelen für völlig aus der Luft gegriffen. Erst kürzlich las ich eine Analyse der letzten Jahre, also die 2010er Jahre, und die kam zu dem Ergebnis: noch nie hat es so wenige Tote durch Kriegshandlungen gegeben. Der Grund: demokratische Staaten führen offenbare keine Kriege gegeneinander. Und die Demokratie ist ja weltweit auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund kann man die Ereignisse von 1914 sehen als Ergebnis durchgedrehter, größenwahnsinniger Monarchisten, Nationalisten und Revanchisten. Wo sollen die am Werke sein aktuell? Von daher: mal ganz ruhig bleiben…

 

Ein ganzes Jahr “nachzutwittern” erscheint nach einer Menge Arbeit, wie viel Ihrer Zeit nimmt das Projekt in Anspruch, haben Sie noch weitere Hilfe?

Tja, das haben wir uns nun eingebrockt. Eigentlich dachte ich, wir können langsam starten und bis Juni quasi “hochlaufen”, alles vorbereiten. Damit ist nun vorbei, der Druck steigt täglich mit der Zahl der Follower. Aber wir kriegen das zu zweit schon nebenbei hin. Denke mal, wir sind gut organisiert: der Google Kalender füllt sich so langsam 😉

Sie haben beide Geschichte studiert, was ist Ihre persönliche Motivation?

Als Geschichtsnerds: purer Spaß an der Freude. Und jeder Retweet, jedes Favsternchen, jede Followingempfehlung motiviert enorm, glaubt man manchmal gar nicht. Und wenn man dann so durch die eigene Timeline scrollt, wie das Panorama dieser Zeit wächst, toll… Und nicht zuletzt dieses einzigartige Material, das man täglich bei der Recherche findet. Da geht einem das Herz auf. Entdeckerstolz. Was wir jetzt schon für Sachen für den Sommer auf Lager haben, Hammer. Hoffe nur, dass das Publikum nicht medial übersättigt wird durch die ganzen Dokus und Gedenkfeiern, die ja absehbar sind. Aber naja, unserere Twiternerds sind da ja manchmal recht autistisch was das angeht… Es ist eben eine eigene Welt, in die wir jetzt dieses Thema tragen.

Abschließend habe ich noch eine Frage an die Leser dieses Blogs: Was haltet ihr von dem Avatar? Bin mir immer noch unschlüssig, ob es nicht zu gruselig ist und dann noch dieses Kreuz… Aber vielleicht verbinden die Menschen genau das mit diesem Jahr. Beschwert hat sich bisher nämlich noch niemand.

Mehr zum Account @1914Tweets: http://baranek.biz/intern/1914tweets-der-beginn-einer-jahrhundertkatastrophe-erzaehlt-tweets/


  1. natürlich ohne dabei auf Hitler zu verzichten 

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