{"id":240,"date":"2014-08-12T12:42:40","date_gmt":"2014-08-12T10:42:40","guid":{"rendered":"https:\/\/charlottejahnz.de\/?p=240"},"modified":"2014-08-12T12:44:31","modified_gmt":"2014-08-12T10:44:31","slug":"geschichtsbelletristik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/charlottejahnz.de\/?p=240","title":{"rendered":"Geschichtsbelletristik"},"content":{"rendered":"<p>Sommerzeit, Lesezeit. Das dachte ich als ich vor kurzem in einer Buchhandlung nach einem Roman suchte. Vorbelastet durch mein Studium, schaute ich mir die Krimireihen auf der Suche nach einem Geschichtskrimi an. Volker Kutschers Gereon Rath-Reihe begeistert mich n\u00e4mlich sehr, weil es ihm gelingt, die Weimarer Republik im Krimi zu beleuchten. Nachdem ich im letzten Jahr das Buch &#8220;Rassenwahn&#8221; von J\u00f6rg Gustmann gelesen hatte, wusste ich, dass es auch anders geht und das ist mir bei meiner letzten Lekt\u00fcre auch wieder bewusst geworden.<!--more--><\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte es eigentlich wissen m\u00fcssen, denn der Klapptext von Harald Gilbers ((studierte in Augsburg und M\u00fcnchen Geschichte und Anglistik)) &#8220;Germania&#8221; liest sich schon haarstr\u00e4ubend:<\/p>\n<blockquote><p>Berlin 1944: In der zerbombten Reichshauptstadt macht ein Serienm\u00f6rder Jagd auf Frauen und legt die verst\u00fcmmelten Leichen vor Kriegerdenkm\u00e4lern ab. Alle Opfer hatten eine Verbindung zur NSDAP. Doch laut einem Bekennerschreiben ist der T\u00e4ter kein Regimegegner, sondern ein linientreuer Nazi. Der j\u00fcdische Kommissar Richard Oppenheimer, einst erfolgreichster Ermittler der Kripo Berlin, wird von der SS reaktiviert. Oppenheimer wei\u00df, dass sein Leben am seidenen Faden h\u00e4ngt. Erst recht dann, wenn er den Fall l\u00f6sen sollte. Fieberhaft sucht er nach einem Ausweg.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er\u00f6ffnet wird der Roman mit einer Unterhaltung zwischen Hitler und Speer \u00fcber &#8220;Germania&#8221;, Hitlers wahnwitzigem Traum. Besonders wichtig f\u00fcr den Fortgang des Romans ist der Prolog nicht, da nie wieder darauf eingegangen wird. Vermutlich musste er mit hinein, weil der Titel des Buches sonst komplett irref\u00fchrend gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Gilbers l\u00f6st den Umstand, dass sein Romanheld Richard Oppenheimer als Jude 1944 offen in Berlin leben kann mit dem Umstand, dass er mit einer &#8220;Arierin&#8221; verheiratet ist und in einem &#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Judenhaus\">Judenhaus<\/a>&#8221; lebt. Weil die SS im Fr\u00fchsommer 1944 anscheinend keinen einzigen f\u00e4higen Kommissar in der Reichshauptstadt findet, kommt SS-Mann Vogler auf die Idee, Oppenheimer zu &#8220;reaktivieren&#8221;. Bis Seite 248 habe ich das Buch aufmerksam gelesen, danach nur noch im Schnelldurchgang, weil es mir unertr\u00e4glich wurde. Es beginnt schon damit, dass Oppenheimer der Prototyp des &#8220;guten Deutschen&#8221; an die Seite gestellt wird: eine 50-j\u00e4hrige \u00c4rztin namens Hilde, die mal mit einem SS-Mann verheiratet war, relativ reich ist und gute Kontakte zum Widerstand hat. Sie ist die Verk\u00f6rperung des inneren Exils im Buch und hilft Frauen bei Abtreibungen. Der Nationalsozialismus hat sie niemals \u00fcberzeugt. W\u00e4hrend der Reichspogromnacht fasste sie den Plan den n\u00e4chstbesten Juden zu retten, was zuf\u00e4lliger Weise Oppenheimer war. Gilbers l\u00e4sst Hilde die Reichspogromnacht so wiedergeben:<\/p>\n<blockquote><p>An diesem Tag sp\u00fcrten die Menschen zum ersten Mal, wie es war, Gefangene des eigenen Staates zu sein. Auch Hilde war mit der Trambahn an den verkohlten \u00dcberresten der Synagogen vorbeigefahren. Die Leute im Abteil triumphierten nicht. &#8220;Antisemitismus &#8211; gut und sch\u00f6n, aber man kann&#8217;s auch \u00fcbertreiben&#8221;, so oder \u00e4hnlich lautete der gemurmelte Kommentar der Passagiere. ((Gilbers, Harald: Germania, M\u00fcnchen 2013, S. 188))<\/p><\/blockquote>\n<p>Gilbers stellt die Nationalsozialisten also als eine b\u00f6se Macht dar, die Deutschland besetzt hat und gegen die man sich nicht wehren konnte. Aber es gibt ja Hilde und all die anderen Deutschen, die eigentlich gar nicht so schlimm sind.<\/p>\n<p>Wie SS-Mann Vogler mit dem Oppenheimer ermittelt. Vogler hatte eine schlimme Kindheit mit einem b\u00f6sen Lateinlehrervater und wollte einfach mal rebellieren. Deswegen ist er bei der SS, Vorurteile gegen\u00fcber Oppenheimer hat er n\u00e4mlich nicht, sondern benutzt ihn als Werkzeug, um die Mordserie aufzukl\u00e4ren. Besonders bizarr ist eine Szene, in der Oppenheimer mit Vogler zusammen versch\u00fcttet in einer arisierten Nazi-Bonzen-Villa sitzt. Der aktuelle Eigent\u00fcmer hatte nach der Arisierung der j\u00fcdischen Villa nicht richtig aufger\u00e4umt, weswegen Oppenheimer eine Menora findet, daneben aber auch einen riesigen Vorrat an nicht-koscheren Konservendosen. Oppenheimer findet au\u00dferdem einen Schallplattenspieler und eine Platte mit einer Vertonung der Dreigroschenoper, die er sogleich auflegt, um die Umgebung auf die beiden Versch\u00fctteten aufmerksam zu machen und so kommt es, dass SS-Mann Vogler in vollkommener Unkenntnis den Kanonensong von Bertolt Brecht singt. Wie der in den Haushalt eines hochrangigen Nazis kommt, verschweigt Gilbers.<\/p>\n<p>Der Mordfall entwickelt sich so brenzlig, dass Oppenheimer und Vogler irgendwann Goebbels pers\u00f6nlich treffen, was der Punkt war an dem ich alle folgenden Seiten \u00fcbersprang und nur noch das Ende las, aber dazu sp\u00e4ter. Weil die \u00d6ffentlichkeit nichts von der Mordserie mitbekommen soll, werden Oppenheimer und Vogler ins Propagandaministerium zitiert, wo direkt Joseph Goebbels Zeit f\u00fcr sie hat. Zwischen Oppenheimer und Goebbels entspinnt sich der Dialog:<\/p>\n<blockquote><p>Doch Goebbels war immer noch nicht zum Ende gelangt. Er setzte sich und richtete seinen Blick auf Oppenheimer, musterte ihn eingehend vom Scheitel bis zur Sohle. &#8220;Sie sind also Jude, Oppenheimer?&#8221; &#8220;Ja.&#8221; &#8220;Nun gut, das kann vorkommen. Zumindest scheint Hauptsturmf\u00fchrer Vogler gro\u00dfes Vertrauen in Ihre F\u00e4higkeiten zu haben. Trotzdem sollte niemand erfahren, dass Sie nichtarischer Herkunft sind. Wenn Ihr Name nicht w\u00e4re, k\u00f6nnte man sich durchaus t\u00e4uschen lassen. Ich nehme an, Sie haben f\u00fcr die Zeit der Untersuchung ein anderes Quartier bekommen?&#8221; ((Gilbers, Harald: Germania, M\u00fcnchen 2013, S. 403))<\/p><\/blockquote>\n<p>Abgesehen von der Tatsache, dass ein derartiges Aufeinandertreffen \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich ist, l\u00e4sst Gilbers es sich nicht nehmen, Goebbels noch folgende Worte in den Mund zu legen:<\/p>\n<blockquote><p>Er wandte sich dann direkt an Oppenheimer und befahl: &#8220;Was mich angeht, sind Sie bis zur Beendigung der Untersuchung von der Zugeh\u00f6rigkeit zum j\u00fcdischen Volk suspendiert. Bis dahin sind Sie als Arier zu behandeln. Punktum. Vogler wird sich um alles N\u00f6tige k\u00fcmmern. Das war&#8217;s, meine Herren.&#8221; ((Gilbers, Harald: Germania, M\u00fcnchen 2013, S. 404))<\/p><\/blockquote>\n<p>Den Rest des Buches kann ich nur noch fragmentarisch wiedergeben. Der Mordfall wird gel\u00f6st und man m\u00f6chte sich Oppenheimer nun entledigen. Weil SS-Mann Vogler im Grunde seines Herzens wohl gar nicht so b\u00f6se ist, schenkt er Oppenheimer zum Schluss seine Zyankalikapsel, weil Oppenheimer die vermutlich dringender ben\u00f6tigt als Vogler.<\/p>\n<p>Das Buch hat bei amazon eine Durchschnittsbewertung von 4,4 Sternen. 25 Mal wurden f\u00fcnf Sterne vergeben. Reinhard Jahn besprach das Buch am 21.12.2013 f\u00fcr &#8220;Die telefonische Mord(s)beratung&#8221; von WDR5:<\/p>\n<blockquote><p>Ein ungew\u00f6hnlicher Schauplatz, eine gewagte Konstruktion, ein anspruchsvolles<br \/>\nAnliegen. Harald Gilbers macht es sich bei seinem Krimi-Debut nicht leicht \u2013 doch es<br \/>\ngelingt ihm auch viel. Eine spannende Geschichte, ein bedr\u00fcckend genau<br \/>\ngeschildertes Lokal- und Zeitkolorit. ((<a href=\"https:\/\/www.wdr5.de\/sendungen\/tagesgespraech\/literaturliste100.pdf\">https:\/\/www.wdr5.de\/sendungen\/tagesgespraech\/literaturliste100.pdf<\/a>))<\/p><\/blockquote>\n<p>Am sch\u00f6nsten ist jedoch die Rezension auf krimi-couch.de vom 1.12.2013:<\/p>\n<blockquote><p>Handlung, Hintergrund und Historie gehen eine selten so gelungene harmonische Verbindung ein, ohne dass die Spannung darunter leidet. Um einschl\u00e4gige Klischees wei\u00df Gilbers Bogen zu schlagen. Germania wird zum doppelten Horrortrip. Die fieberhafte Jagd auf einen Killer f\u00fchrt durch die irrwitzige Realit\u00e4t von Hitlers Albtraumreich.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_240 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_240')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_240').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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