{"id":119,"date":"2014-01-03T18:32:20","date_gmt":"2014-01-03T17:32:20","guid":{"rendered":"https:\/\/charlottejahnz.de\/?p=119"},"modified":"2016-03-03T15:02:54","modified_gmt":"2016-03-03T13:02:54","slug":"eine-deftige-portion-geschichte-naeherbringen-interview-zu-1914tweets","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/charlottejahnz.de\/?p=119","title":{"rendered":"\u201ceine deftige Portion Geschichte n\u00e4herbringen\u201d \u2013 Interview zu @1914Tweets"},"content":{"rendered":"<p>Das &#8220;Gedenkjahr&#8221; 2014 hat gerade begonnen, aber dass es ein geschichtstr\u00e4chtiges Jahr wird, war sp\u00e4testens mit der Ver\u00f6ffentlichung der &#8220;Sleepwalkers&#8221; von Christopher Clark im Herbst 2012 klar. Der Spiegel nannte 2014 schlicht <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/gauck-bundespraesident-rettet-super-gedenkjahr-a-932405.html\">Super-Gedenkjahr<\/a> und widmete seine erste Ausgabe im Jahr 2014 dem Ersten Weltkrieg ((nat\u00fcrlich ohne dabei auf Hitler zu verzichten)). Unterschiedliche Formen der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg gibt es auch im Netz. Auf facebook durchlebte der fiktive <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/leon1914\">L\u00e9on Vivien<\/a> 2013 gemeinsam mit seiner Frau den Ersten Weltkrieg und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/georgedegrey\">sehr<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/RealTimeWW1\">sehr<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/acenturyago\">viele<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/1914_2014\/ww1-tweets\/members\">Twitteraccounts<\/a> haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Ersten Weltkriegs einem breiten Publikum in 140 Zeichen n\u00e4her zu bringen. Seit gestern mischt auch der Account <a href=\"https:\/\/twitter.com\/1914Tweets\">@1914Tweets<\/a> von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/christiansoeder\">Christian Soeder<\/a> und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/baranek\">Dirk Baranek<\/a> mit. Als Mitglied des <a href=\"https:\/\/9nov38.de\/\">@9nov38-Teams<\/a> war ich nat\u00fcrlich besonders interessiert daran, was Christian Soeder und Dirk Baranek in den n\u00e4chsten zw\u00f6lf Monaten planen. Freundlicher Weise hat mir Dirk Baranek ein Mail-Interview gegeben.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wie entstand die Idee das Jahr 1914 zu &#8220;vertwittern&#8221; und welche Absicht steckt hinter dem Account?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Es gab keinen Plan, keine langfristig ausgeheckte Gro\u00dfstrategie, sondern im Grunde handelt es sich um ein spontane Idee. Wir machen es, weil wir Lust darauf haben und weil wir es k\u00f6nnen. \u00c4hnliche Projekte auf Twitter, eures ja auch, zeigen allerdings, dass es 1. geht, dass es machbar ist, und 2., dass das Interesse des Publikums vorhanden ist. Das zeigen ja schon die ersten Stunden unseres Kanals mit aus dem Stand 1.000 FollowerInnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Absicht ist sicher eine p\u00e4dagogische: Dem bunten, manchmal etwas hermetisch informierten Twitterv\u00f6lkchen eine deftige Portion Geschichte nahe zu bringen und zwar so, dass es f\u00fcr sie konsumierbar bleibt. Letzteres ergibt sich nahezu zwangsl\u00e4ufig aus dem Format bzw. werden wir darauf achten, nicht all zu sehr zu verwissenschaftlichen. Zum anderen, und da muss ich mal deutlich werden, nervt mich bei den endemisch auftretenden Diskussionen in diesem und anderen Sozialen Netzwerken zuweilen die absurde Geschichtslosigkeit des Weltverst\u00e4ndnisses so mancher Teilnehmenden. Zu wissen, wie alles so geworden ist, wie es ist, tr\u00e4gt meines Erachtens entscheidend dazu bei, gewisse Ph\u00e4nomene besser zu verstehen und zu erkennen, dass sie ihre Berechtigung haben. Ein Beispiel: wir hier sind Hardcore-Europ\u00e4er, weil wir wissen, warum das so ist und woher das alles kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie l\u00e4uft die Vorbereitung, woher beziehen Sie Ihre Informationen, welche Literatur, Quellen etc. verwenden Sie (evtl. mit Titelangaben)?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Es gibt zwei neue B\u00fccher, die sozusagen die Leitilinie bilden, das Grundger\u00fcst: Janz, 1914, und, klar, Christopher Clark, Norbert Juraschitz &#8211; Die Schlafwandler. Ansonsten greifen wir auf alle Quellen zur\u00fcck, die das Internet bietet. Und da gibt es ja, ich konnte mir das in dem Umfang gar nicht so vorstellen, wirklich massenhaft Sachen. Ich nennen mal diese zwei Seiten zum Einstieg\u00a0<a href=\"https:\/\/www.1914-1918-online.net\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.1914-1918-online.<wbr \/>net<\/a>\u00a0(ebenfalls von Janz) oder auch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.europeana1914-1918.eu\/\" target=\"_blank\">www.europeana1914-1918.eu<\/a>. Unverzichtbar ist die Wikipedia in allen gro\u00dfen Sprachen oder auch die sagenhaft guten Flickr-Commons. Filme findet man bei\u00a0<a href=\"https:\/\/www.europeanfilmgateway.e\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.<wbr \/>europeanfilmgateway.e<\/a>, bei YouTube usw. usf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Woher beziehen Sie Ihre Bildmaterialien, bef\u00fcrchten Sie evtl. rechtliche Probleme?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Wie erw\u00e4hnt sind die Flickr Commons eine sagenhaft gute Fundgrube. Ich habe mich grade mal durch die vielen tausend Fotos der Library of Congress durchgew\u00fchlt und bin sehr f\u00fcndig geworden. Andere Nationalbibliotheken haben auch viel dort reingestellt. Die deutschen Institutionen, z.B. Bundesarchiv, sind da leider nicht vertreten, aber die haben wenigstens ihren Katalog online. Ich habe mir jetzt einen Account geholt, mal schauen, was daraus wird. Bei den Commons sind die Rechte kein Problem. Aber ich habe auch schon Sachen gefunden, bei denen Verwertungsrechte dranh\u00e4ngen, weil die Leute alte Darstellungen, Plakate, Fotos abfotografiert haben. Da haben die nun Rechte dran. Ich bin mir noch unsicher, ob wir das ignorieren werden, zumindest aber verlinken, Kontakt aufnehmen usw. M\u00fcssen wir schauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nach welchen Kriterien w\u00e4hlen Sie aus der gro\u00dfen Masse an Ereignissen des Jahres die f\u00fcr Sie relevanten Ereignisse f\u00fcr die Tweets aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Gute Frage. Aktuell ist der Plan, jeden Tag 10 Tweets zu ver\u00f6ffentlichen. Das wird in der 2. Jahresh\u00e4lfte sicher mehr werden. Bei der Auswahl sehe ich im Moment 2 Kriterien: Den FollowerInnen ein gewisses Kaleidoskop der erz\u00e4hlten Zeit zu bieten, damit 1914 verstanden werden kann, \u00f6konomisch, kulturell, soziologisch, politisch. Zum anderen geht es um die Hauptlinien der Politik. Ein Beispiel ist Serbien. Da werden wir ein genaueres Auge drauf werfen m\u00fcssen. Immerhin haben die Spannungen auf dem Balkan wesentlich diesen Krieg heraufbeschworen. Aber es werden eben auch Tweets \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg in Mexiko zu finden sein, der auf den ersten Blick nichts mit dem Geschehen in Europa zu tun hat, der aber in der Welt\u00f6ffentlichkeit und vor allem in den USA pr\u00e4sent war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ist abseits des Twitteraccounts noch etwas geplant?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Aktuell nicht. Dachte schon mal \u00fcber einen Tumblr nach, aber so richtig ist mir nicht klar, was genau dort anders sein sollte, als auf Twitter. Andererseits kann es den Wunsch geben, Fragen zu stellen, Kritik anzumerken zu einzelnen Tweets. Da werden wir schauen, wie wir das l\u00f6sen, denn @replies werden wir mit dem Account nicht machen. Es soll eine reiner Zeitstrahl bleiben. Vielleicht setzen wir daf\u00fcr doch noch ein Blog auf, mal schauen. Oder einen Frage- und Diskussionsaccount so wie das @RealTimeWWII macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Jahr 1914 wird aus heutiger Perspektive stark mit dem Ersten Weltkrieg verkn\u00fcpft, was Zeitgenossen in der ersten Jahresh\u00e4lfte nicht wissen konnten, wie gehen Sie mit dieser Problematik um?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das Beispiel Mexiko oben zeigt es: da gehen wir naiv mit um. Wir tun so, als seien wir ein Nachrichtenkanal aus dieser Zeit. Das ist unsere Rolle. Sicher, da wird es Konflikte geben, das wird sich nicht vollst\u00e4ndig durchhalten lassen. Br\u00fcche sind unvermeidlich. Aber wir sind lernf\u00e4hig, denke ich. Wir haben ja auch Zeit zur Entwicklung, was bei dem Projekt mit der Reichsprogromnacht sicherlich nicht der Fall war. Das hat auf jeden Fall eine sehr pr\u00e4zise Vorbereitung erfordert. Bei uns sehe ich es eigentlich mehr organisch: wir werden reinwachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Kriegsschuldfrage wird wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder aufgegriffen werden. Behandeln Sie sie in Ihren Tweets zum Jahr 1914?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ganz klar nein. Das ist eine wissenschaftliche Diskussion, die seit Jahrzehnten gef\u00fchrt wird. An der werden wir uns nicht beteiligen. Die Antwort es auch derart komplex, da passt das Format einfach nicht. Das Ergebnis dieser Diskussion allerdings wird in dem Sinne von uns schon in Betracht gezogen: den gro\u00dfen, alleinigen Schurken der Weltgeschichte wird es bei uns nicht geben. Allerdings werden wir uns auch nicht zum nachtr\u00e4glichen Propagandisten der Obersten Heeresleitung machen. Das wird zuweilen schwierig werden, weil derartiges Material offensichtlich stark pr\u00e4sent ist in den Archiven. Das ist eben die Kriegsproblematik, bis in unsere Tage: die Wahrheit stirbt als erstes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Aktuell werden h\u00e4ufig Parallelen zwischen der Welt von 1914 und der von 2014 gezogen, sehen Sie bei Bearbeitung Ihrer Tweets auch Parallelen zu 2014?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Klare Antwort: Nein. Ich halte derartige Parallelen f\u00fcr v\u00f6llig aus der Luft gegriffen. Erst k\u00fcrzlich las ich eine Analyse der letzten Jahre, also die 2010er Jahre, und die kam zu dem Ergebnis: noch nie hat es so wenige Tote durch Kriegshandlungen gegeben. Der Grund: demokratische Staaten f\u00fchren offenbare keine Kriege gegeneinander. Und die Demokratie ist ja weltweit auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund kann man die Ereignisse von 1914 sehen als Ergebnis durchgedrehter, gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Monarchisten, Nationalisten und Revanchisten. Wo sollen die am Werke sein aktuell? Von daher: mal ganz ruhig bleiben&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein ganzes Jahr &#8220;nachzutwittern&#8221; erscheint nach einer Menge Arbeit, wie viel Ihrer Zeit nimmt das Projekt in Anspruch, haben Sie noch weitere Hilfe?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Tja, das haben wir uns nun eingebrockt. Eigentlich dachte ich, wir k\u00f6nnen langsam starten und bis Juni quasi &#8220;hochlaufen&#8221;, alles vorbereiten. Damit ist nun vorbei, der Druck steigt t\u00e4glich mit der Zahl der Follower. Aber wir kriegen das zu zweit schon nebenbei hin. Denke mal, wir sind gut organisiert: der Google Kalender f\u00fcllt sich so langsam ;-)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\n<p><strong>Sie haben beide Geschichte studiert, was ist Ihre pers\u00f6nliche Motivation?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Als Geschichtsnerds: purer Spa\u00df an der Freude. Und jeder Retweet, jedes Favsternchen, jede Followingempfehlung motiviert enorm, glaubt man manchmal gar nicht. Und wenn man dann so durch die eigene Timeline scrollt, wie das Panorama dieser Zeit w\u00e4chst, toll&#8230; Und nicht zuletzt dieses einzigartige Material, das man t\u00e4glich bei der Recherche findet. Da geht einem das Herz auf. Entdeckerstolz. Was wir jetzt schon f\u00fcr Sachen f\u00fcr den Sommer auf Lager haben, Hammer. Hoffe nur, dass das Publikum nicht medial \u00fcbers\u00e4ttigt wird durch die ganzen Dokus und Gedenkfeiern, die ja absehbar sind. Aber naja, unserere Twiternerds sind da ja manchmal recht autistisch was das angeht&#8230; Es ist eben eine eigene Welt, in die wir jetzt dieses Thema tragen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Abschlie\u00dfend habe ich noch eine Frage an die Leser dieses Blogs: Was haltet ihr von dem Avatar? Bin mir immer noch unschl\u00fcssig, ob es nicht zu gruselig ist und dann noch dieses Kreuz&#8230; Aber vielleicht verbinden die Menschen genau das mit diesem Jahr. Beschwert hat sich bisher n\u00e4mlich noch niemand.<\/p>\n<p>Mehr zum Account @1914Tweets:\u00a0<a href=\"https:\/\/baranek.biz\/intern\/1914tweets-der-beginn-einer-jahrhundertkatastrophe-erzaehlt-tweets\/\">https:\/\/baranek.biz\/intern\/1914tweets-der-beginn-einer-jahrhundertkatastrophe-erzaehlt-tweets\/<\/a><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_119 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_119')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_119').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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